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Zeitgemäße Gedanken über Sexualtherapie

Verwirkliche Deine Träume, genieße Dein Leben, vereinige Dich in Liebe mit anderen. Über so ein Motto würden sich wohl viele Menschen zumindest insgeheim freuen, wenn sie es schon als Heranwachsende auf den Weg mitbekämen. Stattdessen bekommen sie die ungelösten Konflikte, Agressionen, Depressionen und Lieblosigkeiten der Erwachsenen direkt oder unterschwellig mit. Uns allen wurde über Jahrtausende eher ein zwiespältiges Bild der Sexualität vermittelt und das allein schafft innere seelische Konflikte, wie schon der altmeister Sigmund Freud in seinen jungen Jahren bekräftigt hat. Heute werden seine Thesen längst von der modernen Gehirnforschung und der modernen Psychologie bestätigt. Liebesfähigkeit und sexuelle Genussfähigkeit brauchen ein wohlwollendes Klima, in dem sie sich entfalten können.

Und Liebe und Sexualität brauchen auch Pflege, wie der gute Geschmack beim Essen.
Körperliches Lustempfinden und Liebesgefühle sind ebenso trainierbar wie die feine Unterscheidungsfähigkeit unserer Geschmacksnerven.

Aufgrund unserer dreißigjährigen Erfahrung, und selber noch mitten im erfüllten Liebesleben, können wir sagen:

Viele sexuelle Probleme sind lösbar. Sogenannte Impotenz oder Frigidität und alle wesens- verwandten Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in seelischen Konflikten, die die betroffene Person mit sich selbst und mit anderen austrägt. Nur ganz selten sind körperliche Erkrankungen der Grund für eine nicht befriedigend funktionierende Sexualität. Heilung entsteht aus der Bewusstwerdung und Lösung dieser Konflikte und durch körperliches und emotionales Training. Dies gilt für junge genauso wie für alte Menschen.

Eine gute Sexualtherapeutin, ein guter Sexualtherapeut achtet immer auf die Lebensvision ihrer/seiner Klientinnen/Klienten und erarbeitet mit der betreffenden Person ein Heilungs-oder Trainingskonzept, der Schamgefühle achtet aber auch zu überwinden hilft und der gegebenenfalls die Partner mit einbezieht. Die Mittel sind Gesprächs-, Verhaltens- und Gestalttherapie, Anregungen aus der Psychoanalyse, aber auch Körpertherapie, eventuell Yoga und kreative körperlich-sexualtherapeutische Prozesse (Lernspiele). Dabei werden die vom Klienten selber gemachten Erfahrungen, die die eigene Sexualität behindern, als Verhaltens- und Denkmuster erkannt und aufgelöst, wird sinnliches und lustvolles Empfinden trainiert und gesteigert, wird Vertrauen und Liebe entfaltet. Ein sexuell und emotional wacher und klarer Mensch begegnet anderen mit bedingungsloser Hingabe und erlebt sich selbst als einen lebendigen, kreativen Menschen, der das Leben ohne Schuld- und Schamgefühle genießt, der voller Verehrung und Respekt gegenüber seinen Sexualpartnern und anderen Menschen sein Leben meistert.

Was ist Sexualtherapie? Diese Frage wirft sofort eine zweite Frage auf: Was ist überhaupt eine gesunde Sexualität? Und was an ihr sind Erkrankungen oder Dysfunktionen? Diese Fragen sind wichtiger, als es manchem scheinen mag.

Wir können sie nicht erschöpfend beantworten, ohne wenigstens einen kurzen Blick auf den gesellschaftlich-historischen Kontext zu werfen, aus dem heraus sie erwachsen sind.

Was wir über Sexualität denken oder empfinden, wie wir sie erleben, ob wir an ihr leiden oder mit ihr, durch sie glücklich sind, lässt sich nicht in jedem Fall mit den üblichen Denkansätzen unserer Gesellschaft bewerten.

Denn die Definition einer gesunden Sexualität obliegt der jeweiligen moralischen Überzeugung einer Gesellschaft. Diese kann sich innerhalb von Jahrtausenden, Jahrhunderten oder auch innerhalb von Jahrzehnten grundlegend ändern.

Die Intensität, mit der die moralischen Instanzen der sogenannten zivilisierten Welt im Orient und Okzident, mehrere Jahrtausende lang die Sexualität im wahrsten Sinne des Wortes "verteufelt" haben, ging einher mit Rassismus, Habgier, der Lust am Völkermord, um nur einige der fehlgeleiteten Triebe zu nennen. Diese auf Grund der Lustfeindlichkeit überentwickelten, zerstörerischen Charaktereigenschaften einzelner Menschen oder Menschengruppen, beschäftigen unsere Welt noch heute und erst im Licht der modernen Psychologie lässt sich erahnen, wie tiefgreifend die damit verbundenen psychologisch schwerwiegenden Auswirkungen auf das Liebes- und Lustleben der Menschen waren und zum Teil heute noch sind.

Wir müssen also Lösungen in der modernen Sexualtherapie anbieten, die diesen Zusammenhängen Rechnung tragen, die nach Einsichten jenseits konservativer Sexualmoral suchen.

Der menschliche Körper selbst besitzt nach der Geburt ein voll entwickeltes Gefühlspotential. Aber erst das Aufwachsen in liebevollen Verhältnissen, in denen auch die Lust als Ausdruck einer gefühlvoll gelebten natürlichen Sexualität verehrt wird, bringt es voll zur Entfaltung. Wenn diese Entfaltung durch äußere Einflüsse gestört wird, fühlt das Kind Enttäuschung, sein verspielter Lebenswille wird gebrochen oder zurechtgebogen. Kinder können sich gegen eine zwanghafte Sexualmoral oder gegen zu strenge Erziehungsregeln, die die natürliche Entwicklung behindern, oder auch gegen eine verbitterte Lebensweise der erwachsenen Bezugspersonen nicht wehren, und so entstehen subtile Rachegefühle unterhalb der wahrnehmbaren Bewusstseinsschwelle, die später gegen die Stellvertreter von Mama oder Papa, die eigenen Sexualpartner, ausagiert werden. Es entwickeln sich Eigenschaften wie Hass, Neid, Eifersucht, Versagensangst etc., die im Grunde nichts anderes sind, als die Kehrseite der unterdrückten Lebenslust. Das Annehmen der eigenen Sex-Sehnsüchte, bedeutet einen ersten wichtigen Schritt.

Es gibt zwei Hauptfunktionen der Sexualität. Die eine regelt die Fortpflanzung und die andere den Genuss. Vom ganzheitlich heilpraktischen oder sexualtherapeutischen Standpunkt aus, ist die Frage nach dem Genuss bedeutender, als die Sorge um das gesunde Funktionieren des Fortpflanzungsapparates.

Sexueller Genuss strebt nach Glücklichsein. Aber wie viel an Sex stellt das richtige, gesunde Maß dar? In welchem Kontext und mit wem? Menschen erleben oft Schuld- oder Schamgefühle wegen vermeintlich zu viel oder auch zu wenig erlebter Sexualität oder "verbotenen Gefühlen" außerhalb der Partnerschaft, oder auch mangelndem Lustverlangen, mangelnder Potenz oder mangelnder Orgasmusfähigkeit. In einer Zeit, in der wir Menschen immer mehr geistige Freiräume betreten, immer mehr sexuelle Tabus aufgeben, müssen wir die Aspekte des sexuellen Genusses viel differenzierter, viel genauer betrachten, als es Generationen vor uns getan haben.

Wie wir versucht haben, zu erläutern, bekommt Sexualität erst dann ihre volle Sinnhaftigkeit, wenn der soziale Kontext, in dem sie eingebettet ist, genügend Nährboden für eine liebe- und würdevolle Umgehensweise mit ihr bieten kann. Liebesfähigkeit und soziale Einfühlsamkeit wird erworben durch ständiges Training im Zusammenleben mit anderen Menschen.

Doch dem stehen oft einengende Glaubenssätze im Weg, die erst hinterfragt werden müssen, denn sie fördern nicht die Lebendigkeit, waren sie doch ursprünglich dazu gedacht, die freie Entfaltung der Lust zu unterbinden.

Glaubenssätze sind Meinungen und Grundsätze bezüglich des Lebens im allgemeinen oder der Sexualität im besonderen, die wir für gottgegeben halten oder in der Natur des Menschen begründet sehen, die aber in Wirklichkeit nur die niemals hinterfragten Meinungen unserer Eltern oder Lehrer waren. Die Einstellungen und Meinungen der Generationen sind vor uns entstanden, in dem uns betreffenden Kulturkreis meistens gar nicht aus eigener Erfahrung, sondern werden manipulativ erzwungen, mit der Androhung von Strafen, deren breites Spektrum zwischen Liebesentzug seitens der Eltern, bis hin zur Androhung von Höllenqualen nach dem Tod, oft skurrile, ja manchmal geradezu lebensverachtende Formen annehmen, an deren Folgen wir heute noch viel aufzuarbeiten haben.

Gute Sexualtherapie versucht niemals den Klienten in eine vermeintlich gesunde Normalität zu pressen.

Sie fängt immer mit einer individuellen Visionssuche an, indem der Klient lernt, die eigene Phantasie zu benutzen, die er, in Unterstützung mit dem Therapeuten erst einmal in Form persönlicher Übungen entfalten lernt. Dabei ist zu bedenken, dass eine gesunde sexuelle Lebens- und Verhaltensweise niemals anderen Menschen seelischen oder körperlichen Schaden zufügen will.

Gute Sexualtherapie verurteilt niemals die möglicherweise problematischen Denk- oder Verhaltensweisen des Klienten, sondern hilft ihm Schritt für Schritt sich zu öffnen für Einsichten über vergangene Fehler, für die eigene Selbstachtung und Selbstliebe, für den Mut, sein Leben neu nach den Prinzipien von Lust und Liebe zu gestalten.

Gesprächs- , gestalt- , oder verhaltenstherapeutische Ansätze können dabei unterstützen.

Wir gehen davon aus, dass ein erwachsener Mensch die Einflüsse, die ihn in der Kindheit negativ geprägt haben, nicht mehr rückgängig machen kann. (Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud spricht hier vom Urtrauma, durch welches der negativ prägende Prozess seinen Anfang nimmt, und das erste Mal die seelische Gesundheit des Kindes eine ernsthafte Verletzung erfährt). Erlebte Vergangenheit lässt sich jedenfalls nicht ungeschehen machen. Letztendlich muss der Klient Selbstverantwortung übernehmen, und lernen, mit ihr zu leben. Das Erkennen der Verhaltensstrukturen aus der Kindheit dient gegebenenfalls dazu, dem Klienten heutige Verhaltensweisen besser verständlich zu machen. Wesentlich jedoch ist: Die Entscheidung für Lebenslust, sexuelle Erfüllung und gelebte Verehrung für die Menschen, dem Leben und sich selbst gegenüber. Das führt zu Liebe und Selbstannahme, auch zu Klarheit und kreativer Intelligenz.

In der Partnerschaft ist es oft schwer, die sexuellen Probleme zu zweit zu lösen, da beide Partner befangen sind. Unterstützung durch Sexualtherapeuten, die selber gefühlsintensive und heilende Erfahrungen in Partnerschaft und Sexualität gemacht haben, ist durchaus angebracht. Wenn die Sexualtherapeutin, der Sexualtherapeut diese Auseinandersetzung mit den eigenen Unklarheiten nicht gescheut hat, kann er/ sie aus der bewusst verarbeiteten Erfahrung ihres Lebens ein sehr detailliertes Wissen über Gefühlszusammenhänge in Beziehungen, dem Klienten zur Verfügung stellen. Oftmals, weil es auf der Basis von hautnah Erlebtem entstand, weit über die durchschnittliche akademische Weisheit der klassischen Psychologie hinausreicht.

Der Zugang zu einer gesunden Sexualität wird nicht nur über die Psyche bewirkt, auch an der Aufmerksamkeit für die genitale Empfindungsfähigkeit und der ganzkörperlichen Genussfähigkeit, darf es nicht fehlen. Diese sind genauso wie emotionale Reife trainierbar, zum Beispiel durch das regelmäßige Erleben von ganzkörperlichen, heilenden oder speziell zu diesem Zweck entwickelten erotischen Massagen (Tantramassagen) oder auch durch Sensibilisierungsübungen.

Gesprächtherapie oder Psychoanalyse allein angewandt genügen nicht, um eine sexuelle oder emotionale Dysfunktion zu heilen.

Sexualtherapie braucht vor allem auch praktische Anleitung und Übung und auch Selbsterfahrung in sexualtherapeutisch körperlichen und seelischen Prozessen, die vom Therapeuten auf die individuelle Situation und Beschaffenheit des Klienten abgestimmt werden und deren anschließende Reflexion (Betrachtung) mit eingeschlossen wird.

Eine zeitgemäße Sexualtherapie trägt auch der Tatsache Rechnung, dass Menschen homosexuelle oder bisexuelle Neigungen haben, dass sie auch fähig sind, Mehrfachbeziehungen zu leben in einem familiären Rahmen, durchaus in der Form der Lebenspartnerschaft. Mehrfachbeziehungen können genauso einem Heilungsprozess unterzogen werden, wie Beziehungen zu zweit. Für welche Beziehungsform sich ein Mensch entscheidet, bleibt seinem Feingefühl überlassen.

Der philosophische Ansatz einer guten Sexualtherapie bezieht Herz und Lust gleichermaßen ein. Sex ohne Liebe gibt es für einen wachen, lebendigen Menschen nicht, auch nicht in einer einzigen Begegnung (z. B. bei einem "One Night Stand"). Denn die sexuellen Gefühle werden durch die Verliebtheit erst richtig intensiv und lassen sich niemals von dieser ganz trennen.

Wenn dies doch geschieht, entstehen seelische Konflikte allerlei Couleur. Hier ein Beispiel, welches ein Schreckgespenst einer jeden Beziehung darstellt. Der Seitensprung: Wenn so genannte "verbotene Liebe" aus Angst vor Bestrafung versteckt, geleugnet oder abgewertet wird, dann erfährt die Seele eine Spaltung in gut und böse, in anständig und unanständig, heilig und profan. Die Sexualität wird dabei auf ihre, die Triebabfuhr regelnde Funktion reduziert (oftmals bei der Geliebten oder bei einer Prostituierten), oder auf das Kinderzeugen (bei der Ehefrau). Der oder die heimliche Geliebte wird dabei genauso abgewertet, wie der eigene (Ehe-) Partner und der sogenannte "Betrüger", die sogenannte "Betrügerin" leidet an mehr oder weniger starken Schuldgefühlen. In der Spannung zwischen all diesen aus der Sicht unserer Gesellschaft unvereinbar erscheinenden Gegensätzen reibt sich die Psyche auf, und die betroffenen Menschen erleben einen hohen Verlust an Lebensmotivation, an Lebenskraft, bis hin zur chronischen Krankheit, bedingt durch psychosomatische Wechselwirkungen. Oder sie werden zu berechnenden, kühlen Akteuren ihres Doppellebens. (Falls übrigens der Seitensprung aus moralischen Gründen von vornherein unterdrückt wird, ohne dass die Betroffenen die Thematik wirklich verstanden haben, ist die Palette der seelischen Beschädigungen nicht minder groß. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, das Thema noch detaillierter zu beschreiben). Erst wenn diese Spaltung als Ganzes bewusst verarbeitet und überwunden wird, wenn die ganze Thematik ausgiebig beleuchtet wird, wenn Seelenfrieden die oft quälende Anspannung ablöst, können die Betroffenen sich positiv und voller Lebenslust ihrer Arbeit und ihren Beziehungen widmen, können sie ihre Sexualität frei von Schuld erleben, haben sie genug Liebe und Mitgefühl für andere, sind nicht mehr verführbar durch fanatische Heilslehren, handeln selbständig, selbstverantwortlich, zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft und ihres familiären Umfelds.

Körperlich tief empfundene Lust hat, wenn die Herzgefühle dabei voll entfaltet werden, eine heilende Wirkung auf den gesamten Organismus, stärkt seelisches und körperliches Gleichgewicht, sorgt für intensive Lebensfreude, erhöht unsere Kreativität und Intelligenz. Lebenspartnerschaften oder auch andere Formen von sexuellen Beziehungen, die nach diesem Ansatz ihre sexuellen Aktivitäten ausgestalten, haben ein hohes Maß an Lebensqualität.