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Stiftung zur Förderung sinnlicher Kultur


Ein interdisziplinäres Projekt

Zwischen Kunst, Kultur und Wissenschaft
Meinem Großvater Heinrich Mann gewidmet
In Berlin und auf der Ilha Fortaleza in Brasilien

Neulich war ich bei Freunden zu Besuch , ein Fußballspiel wurde im Radio übertragen, und der Reporter beschrieb gerade voller Enthusiasmus den Fortlauf des Spiels. Er brüllte beseelt ins Mikrofon: „Schiebt ihn rein, Jungs, schiebt ihn rein.“ Wir blickten uns alle an, und es war zu spüren, dass jeder an die gleiche Zweideutigkeit dachte, und eine Frau konnte ihr befreiendes Lachen nicht zurückhalten.
Überall stoßen wir im Alltag auf versteckte erotische Symbole, und, gerade so, als hätte Sigmund Freud uns über die Schulter geschaut, fühlen wir uns ertappt, wenn andere uns dabei beobachten. Die meisten modernen Länder werden heute demokratisch regiert, haben längst Pressefreiheit errungen, die Abhängigkeit von veralteten moralischen Konventionen wird immer mehr in Frage gestellt..
Doch nach wie vor sind viele Menschen in ihrer Sexualität befangen, in ihrer Liebe enttäuscht, in ihrem Lebensgefühl verunsichert, leben ihre Bedürfnissee nicht aus. Meine über siebzehnjährige Erfahrung als Sexualtherapeut und Tantralehrer hat mir gezeigt, dass es Sehnsüchte gibt, die Menschen niemandem erzählen, weder ihren Beziehungspartnern,
noch einem Arzt oder Psychotherapeuten. Nun ist unser Image in der Öffentlichkeit ziemlich eindeutig und auch die Art, wie wir das erste sexualtherapeutische Vorgespräch führen, trägt ihr Übriges dazu bei, dass ein Raum voller Vertrauen entsteht. So höre ich oft Liebes– und Lustgeheimnisse, die ein Leben lang versteckt wurden. In unseren Workshops werden aus zurückhaltenden Menschen leidenschaftlich  Liebende, die sich in ihrer Sexualität immer stilvoll aber auch durchaus wild entfalten, was sie in ihrem Alltagsleben nie für möglich gehalten hätten.
Das was hingegen unsere Gesellschaft als offizielles Bild gelebter Sexualität zeigt, ist (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) entweder entwürdigend, geschmacklos und trivial oder aber verschleiert hinter unpräzisen Andeutungen. Wieso soviel Geheimnisse hinter verschlossenen Türen, Herzen, Gedanken?
„Du sagst, dass die Menschen sich aus Angst der spirituellen Suche zuwenden, aber sie bleiben auch aus Angst am Ufer sitzen, ohne etwas zu versuchen. Die Menschheit befindet sich an einem Scheideweg: Auf der einen Seite liegt der bereits bekannte Weg des Konservativismus, die kristallisierten Dinge, die gesetzlichen Regeln und Verpflichtungen, die Religionen als Verhaltenskodex. Auf der anderen Seite der dunkle, unbekannte Wald, das Neue, die wahrhaft kreative Kultur, die Suche nach
Fragen, die noch Antworten finden können, das Annehmen des Lebens als ein Abenteuer des Geistes.“ (Paulo Coelho) Als dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten sexuelle Verfehlungen vorgeworfen wurden, war eine ganze Welt empört. Sein Nachfolger begann einen Krieg und die Welt war nur halb so entrüstet.
Die Forschung an Bonoboaffen, nahen Verwandten des Schimpansen
und somit auch des Menschen, hat gezeigt, dass ein Lustbetontes Leben friedliche soziale Strukturen fördert. Diese Affenart kennt unzählige sexuelle Handlungen als alltägliche Akte der Versöhnung zwischen den Individuen einer Horde. Andere Forschungen haben den Zusammenhang zwischen se-xueller Lust und unserer Liebesfähigkeit bestätigt. Das sogenannte Liebes– und Bindungshormon Oxitocin, um nur ein Beispiel zu nennen, wird unter anderem während des Orgasmus ausgeschüttet. Fehlt dieses Hormon, fühlen wir uns mit dem Partner nicht verbunden. Der Hormoncocktail, der während des Sexualaktes in unserem Körper gebildet wird, ist auch für
unsere physische Gesundheit von großer Bedeutung. Der Lauf der Welt, das können wir kaum leugnen, wird eher von dem angestauten Stress– und Aggressionshormon Adrenalin bewegt.
Warum nicht also mehr Lust wagen, wenn sie unsere Liebes– und Bindungsfähigkeit, unsere Friedfertigkeit und unsere soziale Intelligenz stärkt und wenn sie unsere körperliche Gesundheit fördert? Was jedoch ist eine gesunde Sexualität? Wie viele Menschen dürfen einem Liebesspiel beiwohnen, ohne dass dieses stil– oder lieblos wird? Darf sich eine Frau in Liebe mit mehreren Männern vereinigen? Kann man mehrere Menschen gleichzeitig lieben? Wenn ja, wie ließen sich dafür passende Familienstrukturen schaffen, die nicht an der heute oft üblichen Doppelmoral leiden? Kann eine Kultur als hormonell gesteuert betrachtet werden?
Liebeshormone statt Stresshormone, ist das denkbar? Gibt es sexuelle Ekstase? Wenn ja, welche Faktoren tragen zu ihrem Entstehen bei? Kann diese auch von alten Menschen erlebt werden? Wieso bezahlen viele Menschen den Zugang zu ihrer Lust entweder mit Geld oder mit einem unwürdigen Leben? Ist Pornografie der einzige Weg, Sexualität unverhüllt darzustellen? Welche Bedeutung hat eine sinnlich gestaltete Umwelt und Architektur für unsere Lebensqualität? Wie viel an sexueller Freiheit, Erfahrung, Kompetenz und Verantwortlichkeit können wir unseren Politikern zugestehen und auch abverlangen? Wie würde ein weltweites Wirtschaftssystem gestaltet sein, dessen Schöpfer und Konsumenten sexuell erfüllt und in den Liebesbeziehungen klar, aufrichtig und glücklich lebten? Die Liste der Fragen, auf die unsere Kultur bisher nur
verschwommene Antworten gefunden hat, könnte recht lang werden.
Sie sind durchaus interessant für die Wissenschaft, aber auch für Kunst und Politik. Meine These: Eine liebevolle Sexualität die in hohem Maße stilvoll genossen wird, setzt gewaltige psychische und körperliche Selbstheilungskräfte in Gang und fördert dadurch eine Kultur, die von Mitgefühl und lebendiger, kreativer Intelligenz geprägt ist.
Mein Großvater Heinrich Mann hat sich auch diese Fragen gestellt
und kam unter anderem zu der Erkenntnis, dass die ge-sellschaftliche
Doppelmoral seiner Zeit nicht dazu beitrug, sinnvolle, undogmatische Antworten zu finden. In vielen seiner Bücher beschäftigt er sich mit dieser Thematik. Im Roman „Die Göttinnen“ lässt er am Schluss die Herzo-gin
von Assi den Anfechtungen der besagten Doppelmoral widerstehen,
indem sie es ablehnt, sich von ihrem lustbetonten Leben zu distanzieren, um es gegen ein vom Staat und der Kirche versprochenes Seelenheil nach ihrem Ableben einzutauschen. Sie drückt ihre Haltung mit den Worten aus:
„Wenn ich ein Vermächtnis machte: Eins für die Freiheitskämpfer
aller Völker. Und jenen seltenen zwischen den Völkern, die nach der Freiheit des Geistes streben. Das zweite für Kunstwerke, die verschwenderischen Träumen gleichen, von denen der Bürger nichts wissen kann, also eben für Kunstwerke.
Das dritte für wunderbare Inseln der Lust,. wo die Menschen ohne Not und beinahe ohne Sehnsucht vergessen dürfen, dass es einen Staat, eine Kirche und eine Menschheit gibt, die leidet.“ .Als ich diese Zeilen las, saß ich im Flugzeug nach Brasilien, wo wir gerade unserem gemeinsamen Projekt mit dem Namen Taoasis auf einer brasilianischen Insel im Amazonasmün-dungsgebiet am Atlantik ein Zuhause gaben.
Ich entschied mich, die Stiftung, deren zwei Hauptsitze in Berlin und auf der Insel sein sollen, meinem Großvater zu widmen, zumal mich inhaltlich mit ihm einiges verbindet. Die Erfahrung der beiden Weltkriege und allem Leid, das dieser Zeit angehörte, hat es ihm wohl nicht leicht gemacht, den im Ver-mächtnis der Herzogin beschriebenen Ideen praktisch nachzugehen.
Aber sein tiefes gesellschaftspolitisches Engagement war mir Vorbild.
Künstler, Architekten, Wissenschaftler und andere kreative Menschen sollen den zuvor erörterten Fragen in verschiedensten Projekten nachgehen, deren Fortlauf und Ergebnisse der Weltöffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollen. Kunst– und Medienprojekte sollen zuerst gestiftet oder ge-sponsert und dann vermarktet werden, wobei von den jeweiligen Künstlern ein Teil ihrer Erlöse der Stiftung zur Verfügung gestellt wird.
Es gibt schon einige sehr interessante Ideen, deren Erörterung diesen Rahmen sprengen würde. Einige erste Projekte stehen vor ihrer Vollendung.
Auf der Insel sind Gebäude für Symposien und Seminare, Künstlerateliers, sinnliche Räume zur Erforschung der Sexualität und deren Auswirkung auf das menschliche Zusammenleben geplant.
Ich freue mich herzlich über alle Interessenten, die mit Begeisterung, Ideen oder finanziellen Mitteln die Stiftung mitgestalten wollen.
Saranam Ludvik Mann